Eine gemeinsame Kulturerbe: die Missionen und das Hill Country, Teil 4

Der Weg nach Mendard war keine große Umleitung, aber ich musste von der Highway 87 abbiegen, um eine kleinere aber noch gut ausgebaute Straße State Highway 29 zu nehmen. Abends ist das Befahren dieser Strecke ziemlich gefährlich, denn Hügel und kleine Dickten sind das Zuhause für eine große Anzahl Wildrehe. Fahrer haben oft über 200 Tiere gezählt, bevor sie sich verzählen. Die Straße wurde nicht oft befahren, weil außer den Anrainern die meisten Fahrer meinen, dass die Strecke ein großer Umweg sei, der unnötige Kilometer zu ihrer Reise zuzählen würde.

Einige zusätzliche Kilometer erregte in mir kein schlechtes Gewissen, denn ich hoffte, etwas neues zu entdecken, was ich das vorige Mal nicht gesehen hatte. Freunde stellen mir oft die Frage, wie neue Einblicke möglich seien, wenn ich gewöhnlich nur einige Minuten in jeder Stadt anhalte, aber oft bleibe ich in einer Kleinstadt länger als heute. Ich frage gerne Einwohner nach ihren Geschichten, aber in jedem Ort möchte etwas neues sehen, was nur den Augen eines Außenseiter auffällt. Ich bin sich Fotograf, denn ich mache Fotos, nur wenn zufällig ein interessantes Gebäude oder einen schönen Aussichtspunkt sehe. Ich habe aber viel von der Fotokunst der Fotograf David Plowden gelernt. Ich könnte nie so schöne Fotos machen wie er, aber seine Fotobücher und Abzüge lehren, wie man eine Kleinstadt und die Einwohner der Kleinstadt sehen sollte. Seine Werke sind ein unerlässlicher Teil der Geschichte der USA.

Ich brachte mehr als Fotografien von Gebäuden und Erinnerungen an die Orte nach Hause, denn die Freude war nicht nur in dem neuen Verständnis des Reiseziels aber auch in dem besseren Verständnis des Reisens selbst. Wenn ich das Sehen von Plowden gelernt habe, habe ich das Erleben von John Graves gelernt. Als ich fuhr, dachte ich an den Erfinder des modernen Reiseberichts, der er in Goodbye to a River einen neuen Maßstab für das Reiseberichts als Roman gestellte hatte. In dem Buch erzählt er die Geschichte seiner Fahrt, die er 1957 mit einem Kanu auf dem Brazos River gemacht hatte. Er hörte, dass der Fluss mit mehreren Staudämmen gezähmt werden würde, und er wollte die Wilde des Flusses erleben, bevor der Brazos, wie Graves ihn in seiner Jugend gekannt hatte, für immer geändert wurde. In seiner Geschichte erfährt der Leser über Geographie, Geschichte und Mythen, aber dazu erzählte er auch über sein Leben. Er verbrachte einen Teil seines Lebens, wie viele seiner Generation, beim Militär, und er lebte nach den Ende des Krieges in Spanien. Ohne seine Wanderungen, die ihn weit von Texas gebracht hatte, hätte er nie das Land seiner Kindheit so genau beschreiben können.

Ganz bestimmt ist meine Prosa weit entfernt von Graves, und meine Fotos sollte nicht in dem selben Satz mit denen von Plowden erwähnt werden. Trotzdem haben mir die beiden Künstler die Schönheit gezeigt, die zu entdecken ist, obwohl eine Ortschaft oder eine Kleinstadt sehr verkommen oder verlassen aussieht. Meiner Meinung nach könnten die nächsten vierzig Kilometer mir genauso beeindruckend sein, wie der erste Blick auf Venedig in der Abenddämmerung vom Wassertaxi aus, den ich seit vielen Jahren noch in Erinnerung halte. Es ist auch genau so möglich, dass ich nichts bedeutendes sehe, aber ich sollte mindestens positiv denken. Auf einer langen Reise oder einer kurzen Fahrt bestimmt man selber, was später in dem „inneren Auge“ bleibt, und was verlorengeht.

Heute schien die Sonne hell und klar, und das Wetter erfüllte vollständig alle meine Erwartungen. Die Anzahl der Meter über dem Meeresspiegel wurde immer höher, obgleich keine Berge zu sehen waren, denn seitdem ich auf die Balcones hinauffuhr, bin ich immer bergauf gefahren. Man wird immer langsam höher, bis man an der an der anderen Seite von Big Spring die steilen, roten Felsen des Llano Estacado sieht, aber Big Spring war noch zwei Autostunden weiter von meinem heutigen Ziel Menard. Die Straße führte noch immer gerade aus, aber sie verschwand zweimal in Vertiefungen aus meinem Blick, ehe sie über dem fernliegenden Hügel im blauen Himmel endeten. Ich fuhr nach Westen, und die schwarzen Teerrinnen auf beiden Straßenspuren widerspiegelten die Strahlen der Spätmittagssonne. Die Rinnen waren die Folgen der schweren Ladungen auf überlasteten Anhänger, die im Sommer den Teer aus dem warmen Asphalt ausquetschten. Die Lkws transportieren Getreide, Mais und Vieh, und wegen ihrer landwirtschaftlichen Zwecke wird es gestattet, dass sie kurze Strecken mit gesetzwidrigen Ladungen fahren. Manchmal sind die Rinnen am deutlichsten in die Straßenrichtungen, die zu einem Getreidesilo oder zu einer Baumwollergreniermaschine führen.

Auf dieser Stück Straße sind nur ab und zu Häuser oder Gebäuden, die für einen Bauernhof halten werden könnten, aber man fährt durch ein kleines Dorf, das Hext heißt. Das Dorf Hext war nie in seiner kurzen Geschichte größer als eine Verbreitung der Straße, und jetzt sind nur fünf Häuser, eine Kirche, ein kleiner Laden und das Postamt noch bewohnt. Die Erhaltung des eigenen Postamtes gilt als ein nötiger Schritt zu dem weiteren Überleben einer kleinen Gemeinde, denn solange sie eine Post hatte, macht der Name auf dem Stempelabdruck bekannt, dass die Stadt noch am Leben ist. Grit, die achtzehn Kilometer südöstlich von Hext liegt, hatte vor vielen Jahren ihre Postniederlassung aufgeben müssen, und heute hatte die ehemalige Siedlung nur ein Haus und einen Friedhof. Sogar wenn ein Ort das eigene Postamt verloren hat, wird die Post zu dem Postfach des Adressanten geliefert, aber der Postträger wäre nicht eine Person, die in der Gegend lebt. Die Einwohner eines kleinen Orts würden lieber von ihren eigenen Nachbarn bedient werden, aber wie in anderen ländlichen Gemeinden ziehen die jüngeren Leute weg. Es folgt, dass die knappe Zahl der Geschäfte und die geringe Arbeitskraft zu der Schliessung des Postamtes führt. Hext durfte noch das Postamt behalten, aber alle andere Dienstleistungen und Waren, die nicht in dem kleinen Laden zu erhalten sind, müssen die Einwohner von irgendwo anders herholen.

Das Frühstück, das ich in aller Ruhe in San Antonio gegessen hatte, war schon weg, und mit der langen Reise und den vielen Abstechern hatte ich die Mittagszeit längst verpasst. Menard lag nicht sehr weit entfernt, und das Städtchen war der Ort, in dem ich mir vorgenommen hatte, zu übernachten. Die Spanier hatten 1757 am Ufer des San Saba River ein Presidio und eine Mission gebaut, aber die Mission überlebte knapp ein Jahr, bevor eine Koalition der Comanche und Wichita das aus Baumstämmen gebaute Gebäude niederbrannte und mehrere Priester töteten. Soldaten besetzten noch zehn Jahren das Presidio, das aus roten gemeißelten Steinen aufgebaut worden war, bevor sie die Gebäude geräumt hatte, und wieder nach San Antonio gezogen waren. In den folgenden Jahrzehnten stürzten die Extremen des Winters und Sommers die starken Mauern, und im Trümmer bedienten sich die neuen europäischen Siedler reichlich an den Mauerresten, wenn ihnen Baumaterial fehlten. Ähnlich wie in Fredericksburg suchten die Einwohner Menard im 100. Jubiläumsjahr nach Geschichte, und sie ließen wieder ein Teil der Festung errichten. Die Mauern sind heutzutage leicht zu finden, denn sie liegen mitten auf dem Menard Country Club zwischen der achten Flagge und dem neunten Abschlagplatz.

Viele Leute denken an Rindvieh und Cowboys, wenn sie in Texas die texanische Landschaft sehen, aber weit mehr Schafe und Ziegen trieben über den Ebenen und Tischbergen als „Cattle.“ Noch heute stammt der Hauptteil des US-Mohairertrages von Edwardsplateu. In dem frühen neunzehnten Jahrhundert verarbeitete eine Konservenfabrik Schafe und Ziegen, und die roten Dosen wurden in weiten Teilen der Vereinigten Staaten verkauft. Die Wolllagerhäuser machen noch ihre Geschäfte, aber die Beförderungsgelder des Staates sind in den letzten zehn Jahren für Wollproduktion nicht mehr sehr hoch. Dazu ist die Nachfrage ständig gesunken, und andere Produktionsländer mit niedrigeren Produktionskosten geben weiter Konkurrenz. Obwohl die glitzernden Tage scheinen noch vorbei zu sein, gilt die Landwirtschaft noch als der wichtigste Sektor in dem ländlichen Wirtschaftsleben, aber der Unterschied zwischen Kosten und Preisen wird immer deutlicher.

Menard ist kein Sonderfall. Seit der Ölkrise der siebziger Jahren bleiben viele ländliche Gebiete wirtschaftlich krank. Der hohe Leitzins und die billige Landpreise machten ein schwieriges Leben fast unerträglich. Die Farmers und Ranchers brauchten Kredite, aber viele mussten mit teuren Darlehen ihre alten Schulden decken. Gleichzeitig sanken die Preisen, die die Bauern für ihre Ernte erhielten. Der Staat hat den Bauern geholfen, aber andere Geschäfte erlitten, die den Bauern Geräte und Dienstleistungen verkauften. In Menard haben die meisten Geschäfte dicht gemacht, und einige Kirchen haben dem Beispiel gefolgt. Die Fenster und Türen sind mit Brettern versiegelt. Die Einwohner des Städtchen zeigen sich noch nicht besiegt, aber das Menard und viele anderen warten auf Wiederbelebungsversuche.

Die Gründer der Orte träumten von Entwicklung, und sie setzten ihre Hoffnung auf Bildung, Technologie und Arbeit. In vielen kleinen Städten ist eine Straße, die College heißt, auch wenn kein College jemals in der Stadt gewesen war. Die Gründergeneration der kleinen Städte in den ländlichen USA hatten hohe Erwartungen für die Entwicklung der Industrie und Landwirtschaft, die seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nur enttäuschend gewesen ist. Seit 2008 haben die ländlichen Einwohner noch eine schlimmere Wirtschaftskrise erfahren, als die hohe Eigentumspreise in Talfahrt gingen. Zur selben Zeit schloßen Unternehmen Fabriken in kleinen Städten, und lagerten die Production nach Asien aus. Junge Menschen verloren die Aufsicht auf einen festen Arbeitsplatz, der ihnen ermöglichen konnten, sozial und wirtschaftlich ihre Gemeinde zu fördern. James Fellow schrieb 2010 The Atlantic, die Schwierigkeiten, die „inner city“ in Siebzigern geprägt hatten, sollten das Land und die ländlichen Gemeinden in den kommenden zwanzig Jahren spüren. In dem Artikel beschreibt er die soziale Verbindungen, wie Eheschliessungen, Kirche- und Vereinsmitgliedschaft und Familiengründung, die für den fortdauernden Zusammenhalt einer Gemeinde unerlässlich seien. In einer Gemeinde ohne genügende Arbeitsplätze entschließen sich Einwohner selten oder zögernd dafür, in solche sozialen Verbindungen einzutreten. Wenn man das Fest besucht, das zu „Homecoming“ veranstaltet ist, und das große Lagerfeuer, das auf einer Weide an dem San Saba River aufgebaut wird, kann man sehen, dass die Einwohner einen gewissen Stolz auf Menard haben. Sie und die Einwohner anderen ländlichen Gemeinden müssen sich umdenken und ihre Gemeinden neu Gestalten, um Landwirtschaft und Industrie zu erneuern. Die offene Frage ist: Wie?

Menard hat mehr Industrie, als andere Gemeinden, die gleich groß sind, und trotz der leeren Gebäude haben Menard eine bessere Zukunft als die Städte wie Fredericksburg, die alle Hoffnung auf kitschige Geschichte und Antiquitätsgeschäfte gesetzt haben. Nach einer langen Reise aß ich zu Abend im Side Oats Café, einem Restaurant und einer Bäckerei. „Side Oats“ ist eine Grasart, die in Texas weit verbreitet ist, und an der Wand des Esssaals hängt eine Sammlung verschiedene Gräser, die in Texas ansässig sind. [Side Oats ist inschwischen geschlossen, und steht jetzt zum Verkauf.] In dem Restaurant sind immer Einheimischen und Reisenden, die von Junction nach San Angelo fahren. Sogar in einer texanischen Großstadt sind Bäckereien eher selten, aber die Bäckerinnen bietet eine kleine Auswahl frische Backwaren. Dazu backen sie Cookies, Torten, Kuchen und Pies. In vielen kleinen Städten stehen auf der Speisekarte hauptsächlich Hamburgers und alles Gebratenes. Aus der Küche des Side Oats Cafes kann man ein gesundes Hauptgericht, einen Salat und eine Suppe bestellen, aber man sollte auf keinen Fall Nachtisch vergessen.

Die Sonne ging schon unter, und ein Motel hatte Zimmer noch frei, denn Menard hat verhältnismäßig zu ihrer Größe viele Motels. Ich hatte auf der Stecke zwischen San Antonio und Menard viel gesehen, aber ich weiß, dass ich auch viel verpasst haben. Vielleicht das nächste Mal. Hoffentlich gibt es ein nächstes Mal.—-Jason Fabianke

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About Jason Fabianke

Ich lehre Geschichte und wohne in San Antonio, und seit einigen Jahren habe ich gern Reisegeschichten und Reiseberichten gelesen, die Deutsche und Österreicher/innen über ihre Amerikareisen geschrieben haben. In diesem Blog schreibe ich über meine eigene Erlebnisse in dem amerikanischen Westen, und ich hoffe, dass ich etwas zu der Diskussion über den modernen und historischen Westen beitragen kann.

One response to “Eine gemeinsame Kulturerbe: die Missionen und das Hill Country, Teil 4”

  1. Hugh Clayton says :

    Very interesting and informative articles, Mr. Jason. The pictures are great. I have a good friend who lives in Boerne. This was a cultural and historical trip.

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