Archive | Juni 2014

The Last Picture Show (until next weekend)

Fast alle Leser kennen den Roman „Die letzte Vorstellung,“ den der amerikanische Autor Larry McMurtry 1966 veröffentlichte, und in den wir die Folgen erfahren, als in einer texanischen Kleinstadt das innere Verlangen nach Abwechslung und den gesellschaftlichen Drang nach Anständigkeit und Wohlstand die alte Ordnung brachen. Das Kino hatte die große Welt in das kleine Dorf gebracht, aber die Änderungen der fünfziger Jahren zeigten, dass die Welt zu groß für die Geheimnisse der kleinen Kommune war. Die Einwohner, die sich so sehr den Druck der Erwartungen der kleinstädtischen Mitbewohner nachgegeben hatten, ersehnten sich dann einen erweiterten Raum, und das Auto halfen ihnen dabei, die Vorstellung von Raum und Entfernung neu zu gestalten.

In den fünfziger Jahren eroberte das Auto das ganze Land, und fast nichts blieb unversehrt. Das Auto war schon seit den zwanziger Jahren ein fester Teil der Ökonomie, und sogar in der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahren fuhren die armen Okies auf ihren langen Treck, als sie ein neues Leben in Kalifornien suchten. Die Bahn war aber das Beförderungsmittel, das das große Land zusammen hielt, und die Bahn brachten die Männer wieder nach Hause, die in den Krieg dienen mussten. In den vierziger Jahren besangen die Big Bands die berühmten Bahnlinien in Titeln wie „Pennsylvania 6-500“ und „Chattanooga Choo-choo,“ aber in der Nachkriegszeit wurde das Auto im Mittelpunkt der amerikanischen Kultur, als viele Leute lieber von dem „Open Road“ träumten. Eines der berühmtesten Lieder war „Get You Kicks on Route 66,“ das die Fernstraße verewigte, der viele der Dust-Bowl-Flüchtlinge nach Westen gefolgt hatte, aber jetzt symbolisierte die Straße Freiheit und Freizeit statt Zwang und Armut.

Die Verwandlung verwirklichten sich schnell. Die Gesamtzahl der Bahnstrecken schrumpfte bis zu Dreiviertel des Höchststands der Vorkriegszeit, und die US-Regierung investierte Milliarden in den Bau des Interstate-Highway-Systems. Alle wollten Fahren. Die Spazierfahrt ersetzte den sonntäglichen Spaziergang. Sie fuhren zur Arbeit, zur Schule und zu den neuen Supermärkten. Einige fuhren nur um die Ecke, und plötzlich wurde das Gehen irgendwie verdächtig. Die Städte breiteten sich aus, als Fahrer die eigenen vier Wände für ihre eigenen vier Räder suchten. Manche Menschen verbrachten mehr Zeit zu Hause, und wenn sie in der Öffentlichkeit waren, fanden sie sich öfters in ihren Autos.

Die Städte und die Wirtschaft wurden gezwungen, sich an das Auto anzupassen. In einem Drive-In-Lokal konnte man am Auto bedient werden, und viele meinten, das Schöne darin war, dass man gleichzeitig Öffentlichkeit und Privatsphäre genießen konnte. Der Kinobesuch war ein gesellschaftliches Ereignis geworden, das nur ganz kurz von der Dunkelheit unterbrochen worden war, und nach er Vorstellung waren alle durch die Straße geschlendert, um einzukaufen, ehe sie nach Hause gingen. Das Drive-In-Kino ließ der Kinobesucher ihre Gesellschaft genau auswählen, und ohne Platzanweiser schaffte es eine Privatsphäre, die noch privater war, als vor dem Fernseher zu Hause. Man fuhr auf den Parkplatz des Kinos, und nachdem man einen Parkplatz aussuchte, kurbelte man die Fensterscheibe dreiviertelwegs unter, um den Sprecher von dem Pfosten an die Fensterscheibe zu hängen. Dann beginnt die Vorstellung.

Die Mehrheit der Drive-In-Kinos hat in den achtziger Jahren geschlossen, als immer mehre Menschen lieber zu Hause blieben, um das Angebot Kabelsender anzusehen. Die Freiluftkinos versuchten, sich noch zeitgemäß zu erhalten, in dem sie Pfosten und Sprecher beseitigten und neue Projektoren anschafften. Anstatt den Sprecher an die Fensterscheibe zu hängen, mussten die Besucher nur das Autoradio zu der richtigen Frequenz stellen, und der Ton wurde mittels eines Kleinleistungssenders in das Auto übertragen. Als ich jünger war, besuchte ich ab und zu in San Antonio das Mission Drive In, aber im Sommer machten die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit Südtexas eine doppelte Vorstellung ziemlich unangenehm. Auf dem Gelände des Kinos stehen seit zehn Jahren eine Bibliothek und ein Kulturzentrum.

Das Drive-In-Kino ist nicht ausgestorben, sondern lebt noch, und eines der besten ist das Sky-vue Drive In Theatre in Lamesa in Texas. Lamesa liegt eine Stunde nördlich von Midland-Odessa, und war der Geburtsort der Historiker V.O. Keys. Die Kleinstadt ist die Verwaltungsstadt von Dawson County, und die regionale Ökonomie wird von Viehzucht und Baumwollwirtschaft geprägt. Lamesa hatte früher noch ein älteres Kino, das Tower, dessen Betreiber das Geschäft vor vielen Jahren aufgegeben hatten, aber jetzt sind das Drive-In-Kino das neuere Movieland Theater die einzigen. Sky-vue eröffnete 1948, und seitdem gehört für viele Einwohner der Gegend ein Kinobesuch zum Wochenende. Obwohl das wirtschaftliche Existenz des Drive-In-Kino auf Tradition und Nostalgie gebaut wird, haben Jung und Alt an die Vorstellungen Spaß. Der mit Kies bedeckte Parkplatz ist sehr groß, und von jedem Platz aus ist die Leinwand, eigentlich aus weiß gestrichenen Wellenblech, zu sehen. Viele Besucher parken ihre Lastwagen rückwärts ein, damit sie auf der Pritsche sitzen können, und andere sitzen auf Klappstühlen neben ihrem Auto. Neben ihnen sehend sind bunte Kühlkisten wie improvisierte Wohnzimmermöbel, die mitgebrachte Essen und Getränke enthalten. Wegen der geringen Luftfeuchtigkeit sind die Sommernächte kühl, aber die meisten Wohnzimmer sind nicht so staubig wie der Parkplatz.

Der Eintritt kostet fünf Dollar pro Person, aber alle Vorstellungen sind doppelte Vorstellungen. In den Anfangsjahren bezahlte man pro Auto, und deswegen versuchte junge Leute so viele wie möglich in das Auto und sogar in den Heckraum einzupferchen. Vor dem großen Leinwand ist ein Spielplatz, der während der Vorstellung fast immer voll ist, und über den Spielplatz wird der Film von einem kleinen Gebäude neben der Snack-Bar projiziert. In der Snack-Bar wird die gewöhnliche Assortiment von Hamburgers, Hot Dogs, Pommes frites und andere gebratene Snacks angeboten, aber auf der Speisekart ist eine Besonderheit, die Chihuahua. Das Gericht, das 1951 erfunden wurde, ist kein Hündchen, sondern eine Mischung zwischen Sandwich und Taco. Die Chihuahua besteht aus zwei knusprig gebratenen Tortillas, Weißkohl, Käseaufstrich eine eingemachte Jalapeno-Chile und gewürztem Mahlfleisch, und obwohl die Speise ungewöhnlich ist, werden hunderte jeden Abend verkauft. Die Küche der Snack-Bar ist so groß wie die Küche eines Restaurants, aber nicht viele Sitzplätze sind vorhanden, weil die meisten Gäste das Essen mitnehmen. Es scheint, als ob die meisten an den Tisch sitzenden Gäste Stammkunden sind, denn sie sitzen und diskutieren die Neuigkeiten mit dem Eigentümer und einigen Arbeitern. Das Kino ist freitags, samstags, und sonntags auf. Die erste Vorstellung beginnt beim Sonnenuntergang, und die Snack-Bar ist schon um sechs auf. Man darf die Snack-Bar besuchen ohne eine Kinokarte zu kaufen. Komm mal vorbei, finde einen Platz auf der Bank vor der Snack-Bar und genieße den Abend!–Jason Fabianke

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The Open Road

Autos gehören zum Stadtbild in den meisten Länder, und zwischen den Städten fahren Autos auf großen breitspurigen Straßen, die die Fahrer fast anonym durch die Landschaft schleusen. Autos sind Werkzeuge und Beföderungsmittel, aber in den USA werden Autos mit den Ideen von Freiheit und Unabhängigkeit gebunden. Mit einem Auto kann man die große Entfernung überwinden, und man kann all seine Habseligkeiten in den Heckraum werfen, um weit weg ein neues Leben anzufangen. Dank des billigen Benzins machen viele Leute oft eine achtstündige Tagesfahrt, und denken nichts darüber. Es scheint, als ob es in den USA ein Grundrecht auf den Besitz eines Führerschein gäbe.

Wenn Firmen Mitarbeiter nach den USA versetzen, fragen die Mitarbeiter oft, wer die Kosten des Führerscheins bezahlen sollte. Die meisten Firmen bezahlen nicht, denn der Führerschein kostet nur circa 50 Dollar. Um ihn zu erwerben, muss man vor einem Bildschirm fünfzig Fragen richtig beantworten, und dann fährt ein Gutachter zehn Minuten mit, um festzustellen, dass man die Fähigkeit besitzt, um die Ecke zu fahren, und dass man parallel zum Straßenverlauf parken kann. Der Führerschein bleibt jahrelang gültig, bevor man wieder in eine Zweigstelle der Verkehrsbehörde erscheinen muss, um als einzige die Sehkraft prüfen zu lassen

Im Vergleich sind die Geldstrafen ziemlich hoch. Wenn man ohne Sicherheitsgut ertappte wird, kostet es fast 300 Dollar, aber der gerichtliche Entzug eines Führerscheins wird jemandem nur nach einem schweren Verkehrsverbrechen auferlegt. Das Fahren unter Alkoholeinfluss gilt in der Gesellschaftsbild als Erzsünde, und es folgt, dass dem betrunkenen Fahrer eine hohe Geldstrafe verhängt wird. Die meisten Menschen sind aber von dem Auto so wirtschaftlich abhängig, dass es scheint, als ob die Todesstrafe öfters verhängt wird, als ein lebenslängliches Fahrverbot.

Eine Erläuterung der Polizeigewalt verdient ihren eigenen Beitrag, und deswegen erläutere ich gerade nur einige Punkte. Viele Besucher können fast nicht begreifen, warum in einem Verwaltungsbezirk oder County so viele verschiedene Polizeibehörden neben einander existieren. Die Beamten tragen unterschiedliche Uniformen, und fahren Streifenwagen, die keine einheitliche Markierungen haben. Mit wenigen Ausnahmen sind sie alle für die Verkehrsordnung zuständig. In Texas haben fast alle Dörfer eine Polizei, wenn sie auch eine Stadtregierung haben, aber in sehr kleinen Orten könnte die Polizei einfach aus zwei Streifenwagen und drei Beamten bestehen. Viele der kleinen Örtchen haben gewaltige Probleme, wie z.B.die Kleinkriminalität, die immer mit Drogenabhängigkeit und wirtschaftlichen Schwächen gefunden wird, und oft besitzt die örtliche Polizei weder die Geldmittel noch das Personal, um „Commuity Policing“ zu betreiben. „Community Policing“ verlangt das Engagement der Polizei für alle Aspekten der Gemeinde, und noch weiter muss die Beamten durch ehrenamtliche Arbeit bewusste Beziehungen pflegen, in dem sie zeigen, dass das Wohlergehen der Gemeinde in ihrer persönlichen Interesse liegt.

Die Beziehungen zu der Polizei wird oft erschwert durch die Haupttätigkeit der Beamten in den Dörfern–Radarkontrolle. Die Polizisten parken nahe der Ortsgrenze und lauern auf diejenigen, die übermäßig schnell fahren. Ein grünes Verkehrsschild markiert die Ortsgrenze und listet die Einwohnerzahl, und dahinten steht eine Werbetafel, die allen willkommen heißt. Oft wird der Reisende auch von einem Streifenwagen begrüßt, in dem ein Polizist hinter ein Radargerät sitzt. In Texas gibt es keine Blitzgeräte, und die Beamten müssen selber die Radarkontrolle ausüben. Die hohen Geldstrafen können einen Großteil des kommunalen Einkommen ausmachen, und als Folge erzielen Verkehrskontrollen in den meisten Fällen einer höher Priorität als „Community Policing.“ Einige Gemeinden wird als „Speed Traps“ berüchtigt, weil immer auf der selben kleinen Strecke so viele Strafzettel erteilt worden waren. Manche Einwohner finden sich in einer peinlichen Situation, denn Freunde, Bekannte und Kunden mussten hohe Geldstrafen bezahlen, nachdem sie eine freundliche Einladung zum Besuch angenommen hatten.

Nicht alle kleinere Orte gehen so weit, aber viele leiden unter Geldmangel, dem durch Verkehrsstrafen abgeholfen werden könnte. Vor vierzig Jahren beschäftigte sich die Regierung mit der Versuchung, der viele Gemeinden nachgeben, und festschrieb, dass in Texas kein Ort, der unter 5.000 Einwohner hat, nicht mehr als 30 Prozent des Gesamteinnahmen von Verkehrsstrafen beziehen darf. Falls ein Dorf den Prozentsatz überschreite, müsse das Dorf alle Überschüsse an den Bundesstaat weitergeben. Solche Maßnahmen lahmen den Eifer nicht, mit dem die Polizisten die Radarkontrolle ausüben, denn noch eine Einkommensquelle ist die Beschlagnahmung von Bargeld und Wertsachen, die nach einem großen Drogenfund folgt. Ein Verkehrsstopp verleitet oft zu einer Durchsuchung. Einige Städtchen haben sich neue Streifenwagen und andere Polizeigeräte geleistet, die normalerweise nur in den Großstädten üblich sind, weil es gesetzlich erlaubt ist, dass die Polizeibehörde, die einen Tatverdächtiger festgenommen hatte, den Besitzt von verurteilten Drogendealer versteigern darf.

So viele träumen von der „Open Road,“ und wenn sich der Traum endlich erfüllt, bitte fahre mit Vorsicht.

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