Archive | Juli 2013

John T. Floore Country Store

Wenn Sie nach Texas kommen, sollten Sie unbedingt John T. Floore Country Store in Helotes, Texas besuchen. Texas hat eine lange Tradition der Dance Hall, in der sich alle gesellschaftliche Schichte treffen, um gute Musik zu geniessen, und obwohl richtige Dance Halls noch seltener sind, als vor fünfzehn Jahren, sind noch einige gute Exemplare zu finden. Viele neuere „Dance Halls“ sind nicht mehr als Clubs oder Veranstaltungsorte, und weil das Geschäft Alkohol verkaufen heißt, nur Volljährige (over 21) willkommen sind. Die Tradition versteht sich anders.

Die meisten Dance Halls waren einfache Gebäude, in denen Dosengetränke und Flaschenbier ausgeschenkt wurden, und wenn es etwas zu essen gegeben hätte, reicht die Angebot nicht weiter als Hamburgers. Einige Dance Halls waren und sind Vereinshallen, sowie kirchliche Vereine oder Versicherungsgenossenschaften, aber andere sind Treffpunkte einer ganze Region, sowie Floore´s. Alt und jung sind dabei, und während die Großeltern, Eltern und andere tanzen, spielen die älteren Kinder auf dem Rand der Tanzfläche und die jüngeren schlafen auf den Bänken. Falls Sie eigentlich sehen möchten, wie eine Texas Dance Hall ist und sein sollte, planen Sie für einen Sonntagabend einen Besuch bei Floore´s zu machen. Eintritt ist kostenlos, und dort werden Sie die Nachbarn sehen, die Verwandten der Nachbarn und diejenigen, die vor dreißig Jahren Ihre Nachbarn waren.

Von San Antonio nehmen Sie Highway 16 nach Norden, und wenn Sie die vorortartigen Einkaufsmeilen von Helotes vorbeifahren, folgen Sie den Wegweisern zu Old Town Helotes. Gerade neben einer Eisenwarenhandlung ist Floore´s nicht zu übersehen. Das Gebäude sieht genau so aus, als viele andere Gebäude, die in den vierziger Jahren gebaut worden waren, und von aussen gesehen, könnte der Besucher nichts von der Geschichte der Country Music erahnen, die zwischen den Wänden und hinten auf der Patio abgespielt hatte. Die Wände sind aus einfachen Betonziegeln, die grün und weiß gestrichen sind, aber John T. Floore Country Store ist ein Spielort, der eng mit der Entwicklung der modernen Country Music gebunden ist.

Wer im Betracht auf schöne und neue Einrichtungen einen hohen Anspruch erhebt, wird ganz schnell enttäuscht. Autos und Pick-ups parken dicht an dem Gebäude, und hinter einem alten scheibenlosen Lastwagen ragen rot beschriftete Werbung, die behauptet, dass in Floore´s alle mögliche musikalische und kulinarische Superlativen zu finden sind. Nichts wird verschönert, sonder alles ist echt. Neben dem Eingang und unter dem Wirbel der Werbungsschilder stehen reihenweise Mülltonnen und ein großen BarBQ-Kocher, aber hinter der mit Fliegengitter versehenen Eingangstür vergisst der Besucher die Welt vor der Tür.

Eiserne Spannen und dünne Pfosten tragen einen Dach aus Wellenblech. Von der Decke hängen hunderte abgetragene Stiefel und Hüte, und dazwischen hängen andere Gegenstände, die einen fliegenden Flohmarkt bilden. Alles werden von Lichterketten beleuchtet, die hin und her durch die Stützen der Dachspannen eingefädelt worden waren. Alte und neue Neonreklame verschiedener Biermarken hängen an der Wand–Scheiner neben Schlitz, und verleihen dem Raum einer blauen Wärme. Auf der linken Seite ist die Bar, eine grobe Konstruktion aus Holz und Paneel, und wie von dem vor den Store aufgestellten BarBQ zu erwarten ist, stehen neben Hamburgers auch Wurst, Brisket und alle der dazugehörenden Beilagen auf der Speisekarte. Folgen Sie dem Rat der Werbung, und bestelle eine der Superlativen, die „besten Tamales in the World.“ Ich lasse Sie selber die Tamales bewerten. Tamales sind so wie lange gelbe mit Schweinefleisch gefüllte Dampfknödel, derer Maisteig, oder masa, in Maishülsen gedämpft werden. Wenn Ihre einzige Erfahrung mit Tamales mit einer Dosenöffner begann, muss ich Ihnen leider mitteilen, Sie haben keine Tamales gegessen. Hinweis: Wie auch Präsident Ford erfuhr, die Maishülsen werden nicht gegessen.

Die Dance Hall ist sicherlich kleiner als manche erwarten, und wenn jemand wie Gary P. Nunn auf der Bühne der Halle spielt, erlebt man Courty Music, wie sie einst war. Nicht mehr als dreißig Tische stehen um die Tanzfläche, und wenn am freitags und samstags ein großes Konzert stattfindet, treten die Bands oft draussen auf der großen Bühne auf. Auf der Patio stehen viele Tische und Bänke den Besuchern zur Verfügung, und breite Peckanbäume spenden Schatten, obwohl im Sommer Schatten immer zu knapp vorkommt. Wenngleich das Gelände ziemlich groß ist, ist wegen der Beliebtheit von Floore´s bei vielen Konzerten Platz auch knapp, und man muss frühzeitig ankommen, um sitzen zu können.

An diesem Abend spielte Drugstore Cowboys, ein Band, das seit vierzig Jahren Tänzern und Zuhörern mit origineller und auch mit wohl bekannter Musik besorgt hat. Ich kam zwanzig Minuten vor sechs, die angegebene Öffnungszeit, und nur ein Tisch war noch frei. Auf einer Seite wurde ein Geburtstag gefeiert, auf der anderen Seite fand eine Mischung aus Familien- und Firmentreff statt. Alle begrüßten sich gegenseitig, inklusive die andere Besucher, die nur zu zweit oder zu dritt gekommen sind. Mein Tisch war ein längerer Picknicktisch, und ich wusste, dass in wenigen Minuten noch einige Menschen zu mir sitzen würden. Der Tisch stand neben dem Kamin, und darüber hingen einige der vielen gerahmten Bilder von den Künstlern und Bands, die Floore´s gespielt haben. Weltbekannte Musiker wie Willie Nelson, Ray Price, Patsy Kline, Bob Wills und Merle Haggart hingen neben weniger bekannten aber in Texas beliebten Künstlern wie Fiddling Frenchy Burke und Augie Meyers.

Noch mehr Besucher kamen um halb sieben, und sie gingen draussen, tanzten oder standen neben der Wand. Ich hatte den letzten Tisch erwischt, und zwei ältere Frauen setzten sich zu mir. Sie besprachen verschiedene Themen, darunter waren das Wetter und die Verkehrslage, zwei zuverlässige Themen. In Südtexas ist Regen immer ein Ereignis, und die Stauen geschehen immer öfter und werden immer länger. Die zwei Frauen bildeten einen Teil einer Gruppe, die sich sonntags regelmässig für Hamburgers und Musik verabreden. Trotz einiger Anrufe konnten sie nicht sicherstellen, warum die anderen zwei heute nicht erschienen waren. Eine gute Frage, denn wer würde kostenlose Musik und lebendige Geschichte verpassen?–Jason Fabianke

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Highway 77: My „Mother Road“

Alle Verehrer erzählender Prosa und guter Reiseberichte kennen schon Artikel und Bücher von Wolfgang Büscher, und die vielen Auszeichnungen machen Rezensionen seiner Bücher fast überflüssig. Das 2011 veröffentlichte Buch Hartland: zu Fuß durch Amerika ist keine Ausnahme, und das Buch erfüllt alle Erwartungen, die mit dem Erfolg seiner frühere Werke begannen.

Wie in seinem früheren Werken fehlt seinem Schreiben der Jargon der Kulturwissenschaften, der oft in Reiseberichten den Inhalt verdeckt. Die Erlebnisse Büschers waren sicher nicht alle glücklich, und seine Erleichterung ist spürbar, wenn er sich von eineigen Orten und Leuten losreisst. Sonderbare Gestalten, die er im Buche meistens durch Gleichnisse darstellt, tauchen oft während seiner Reise auf, und der Autor erinnert den Leser daran, dass das Merkwürdige und das Ungeschickte häufiger vorkommen, als wir tagtäglich meinen. Wir verkennen vieles, was in unser Vorstellungsbild nicht hineinpasst, und übersehen Leute, die oft eine Mehrheit der Gesellschaft bilden. Ein Autor wie Büscher zeigt uns, wie sehr uns das Sonderbare einprägt.

Als Mensch begegnet Büscher seinen Mitmenschen und der Landschaft, und in seinem Schreiben betont er stets das Menschliche. Wenn der Leser den Buchdeckel schliesst, lässt der Mitreisende mit einer tiefen Kenntnis der Leute und ihre Umwelt. Büscher schafft mittels seiner Beschreibungen eine Umwelt, die noch breiter ist als die Landschaft, durch die er geht und fährt, denn er fügt den fast unendlich weiten Raum des Westens eine geschichtlichen Dimension hinzu. Prinz zu Wied, Knut Hamsun, Black Elk, Sitting Bull und Crazy Horse begleiten ihn auf der nördlichen Strecke der Reise, und als Leser treffen wir uns im Süden mit Ferdinand Coronado, Ronald Reagan, John Kennedy, David Koresh und Richard King. Die historische Figuren werden manchmal von den Leuten verkörpert, die Büscher unterwegs kennenlernt, aber öfters stehen die modernen Bewohner des Westens im Gegensatz zu den historischen Bildern.

Durch das Buch erfährt der Leser Näheres über ein Stück des Westens, aber wie schön wäre es, wenn wir seine erste Fassung sehen könnten, bevor er einige Teile wegen der Länge auslassen musste. Auf so einer langen Reise kann man nicht von allen Erlebnissen berichten, und man muss sich dafür entscheiden, welche in das Gesamtbild des Buchs einpassen. Ich gebe zu, dass als Texaner ich mehr über Texas hätte schreiben wollen, und ich noch einige Städte anders gesehen hätte. Büscher schreib, Waco ist mit Koresh und den Branch Davidians ewig verbunden, und weil ich in Waco einige Jahre lebte, sehe ich die Stadt ganz anders als Büscher. Waco hat wirklich eine schöne Seite, die nichts mit der Stätte der niedergebrannte Festung der Davidians zu tun hat, eigentlich ein Farm mit mehreren Gebäuden, die eigentlich weit ausserhalb der Stadt waren.

Besser gesagt, Waco ist Museums- und Universitätsstadt, und die Stadt hat eine Geschichte, die, wie mit allen Geschichten, gleichzeitig glücklich und traurig ist. Wenn ich an Waco denkte, als Schauplatz von Gewalt und Brutalität, denke ich zuerst an den 1916 begangenen Mord und die Verstümmelung von Jesse Washington, der vor tausenden von einem Mob öffentlich hingerichtet und verbrannt wurde, bevor sein Kadaver zehn Meilen hinter einem Wagen nach Robinson verschleppt wurde, eine Stadt, in der sein Kopf und Oberköper drei Wochen zur Schau gestellt wurde. Die Waco der Lynch-Morde existiert nicht mehr, und die Waco der Branch Davidians hat es überhaupt nie gegeben.

Ich las Hartland vor einem Jahr, aber ich konnte keine Rezension schreiben, die die Ausführlichkeit seines Buches traf. Ich muss zugeben, dass ich nicht ein wenig Neid spürte, als ich das Buch zum ersten Mal las. Ich hatte das Buch bestellt, weil in der Beschreibung stand, dass Highway 77 der Schauplatz seiner Reise war. Ich freute mich auf die Lieferung des Buchs, denn Highway 77 ist mein “Mother Road, eine Bezeichnung, die Route 66 verleiht wurde. Neben dieser Straße fing meine persönliche Geschichte an. Sommers arbeitete ich auf Farms und Ranches, die in der Nähe eines Städtchen lagen, das von Highway 77 durchkreuzt war. Ich kannte die Leute des Städtchen und das Städtchen selbst aus verschiedene Dimensionen–als Menschen, Raum und Geschichte, und wenn man einen Platz und dessen Bewohner durchaus so gut kennt, fühlt man sich stärker und bereit, die Kunst des Menschenkennens an einem anderen Ort zu betreiben. Von dem Platz der Bestärkung aus kann der Bestärkte reisen, neues entdecken, mit sich selbst konfrontiert werden und sogar scheitern, ohne besiegt zu werden. Unter der texanischen Sonne schwitzend, träumte ich von der Erhaltung meiner allgemeinen und formellen Bildung und vom Reisen in die weite Welt, eine Welt, deren Tor Highway 77 war.

Büscher hatte meine Reise unternommen, obwohl ich die Reise anders gemacht hätte. Ich lese gern seine Werke, weil wir unsere Mitmenschen ähnlich betrachten und schätzen. Das Schreiben Büschers ist offensichtlich meinem weit überlegen, und ich, kleiner Blogger, würde nie behaupten, ich könnte seinen Erfolg nahe kommen. Trotz des Umstands, dass ich als Nichtmuttersprachler versuche, auf Deutsch meine Welt zu beschreiben, halte ich die Werke Büschers für einen Vorbild und hohen Maßstab der Schreibkunst. Begleitet von Fehlern in Grammatik und Wortschatz erkundige ich noch die Welt, die in meinem Leben mit Highway 77 anfing, und vielleicht könnte ich eines Tages einige Teile von Hartland ergänzen, wenngleich es schon ein vollendetes, erfolgreiches Buch ist, das ich allen Amerikakennern höchstens empfehle.—Jason Fabianke

Wolfgang Bücher: „Hartland“ zu Fuß durch Amerika. Rowohlt Verlag, Berlin 2011. 300 S., geb., 19,95 [Euro].

Ich bestelle bei Global Books, portofrei in die USA ab 75 Euro: http://www.globalbooks.de

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