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Verstärket eure Gemeinden statt eurer „Festungen“

Gewalttaten mit Schusswaffen gehören leider zum Alltag der USA, und viele Einwohner finden es schwierig über die Realität der Gewalt zu sprechen, denn das Thema bringt mit sich eine tief gespaltene Sprache. Meiner Meinung nach gibt es eigentlich keine klar getrennte politische Seiten, denn die meisten Menschen sind weitaus komplizierter als die einfache Kategorien “links” und “rechts”, mit denen viele Kommentatoren versuchen, das politischen Gespräch in den USA zu erklären .

Es ist verständlich, dass besonders Auslandskorrespondenten  die krassen Gegensätze betonen, wenn sie bemühen sich, ihren Landsleuten die amerikanische Politik  verständlich zu machen, denn es fehlt eine allgemeine politische Sprache der Mitte, eine Sprache, die nicht ideologisch beladen ist. Deswegen fehlt der Politik immer wieder die subtilen Ausdrücke, die der Kompromissbereitschaft unentbehrlich ist, und die das Zentrum eine fähige Demokratie bilden.

Die meisten Menschen machen täglich in ihrem Privatleben Kompromissen, aber sie wollen immer wieder von “ihren” Mandanten, dass Politiker die starke Sprache der Politik anwenden. Ob der Politiker “links” oder “rechts” gehöre, muss er der politischen Sprache stets Treue beweisen. So eine Sprache erleichtert den Dialog mit Gleichgesinnten, aber die Sprache erschwert mit Unbeteiligten oder Andersdenkenden das freundliche Gespräch.

Jeden Tag vermeiden Leute wichtigen Themen und besprechen lieber das Frivol, denn sie wollen angeblich niemanden verärgern. Die Notwendigkeit der Sprache der Mitte kommt zur Erscheinung, wenn eine Krise oder eine Tragödie auftritt, denn man kann beide Ereignisse nur zur Wort bringen, wenn man eine breite und subtile Sprache hat. Ohne die breite Sprache scheinen alle zu verteidigen oder anzugreifen anstatt zu trösten und Mitleid auszudrücken.

Ich war entsetzt, als ich den ersten Berichten davon las, wie den Hamburger Austauschschüler Diren Dede in Montana brutal erschossen wurde. Das Ereignis erinnerte mich an den japanischen Austauschschüler Yoshihiro Hattori, der 1992 in Louisiana erschossen wurde. Er und ein amerikanischen Freund wollten eine Halloween-Party besuchen, aber er hatte die falsche Adresse und wurde vor dem Haus erschossen. In beiden Fällen ist es sehr traurig. Sie wollten die USA kennen lernen und sich an neuen Bräuchen anzupassen, aber jetzt können ihre Angehörigen nur von Leid und Enttäuschungen erzählen.

Wer würde versuchen die Tat zu rechtfertigen? Warum haben so wenige dagegen reagiert? Eine Tragödie ist eine Tragödie und nichts politisches. In vielen Städten und ländlichen Regionen wird es oft täglich geschossen. Viele behaupten, dass eine breite Bereitschaft Gewalt auszutragen die Kriminellen  zurückschrecken sollte, aber die Ermutigung zur Gewalt und der Glaube an einer Art Amnestie könnten einige zur unberechtigten und unnötigen Gewaltanwendung betreiben.

Der Vater vom Diren denunzierte die „Cowboy-Mentalität,“ die immer wieder zu Gewalttaten führe. Ich kann seine Beurteilung verstehen, denn ich kenne die Filme Clint Eastwoods. Viele Western-Fime sind brutal, und durch die ganze Streife wird es geschossen. Wenn wir unsere Nachbarn kennen, und wenn wir versuchen uns gegenseitig zu verstehen, dann ist eine Festung und eine Festungsdoktrin nicht nötig.

Im Gegensatz zum Film greifen die Cowboys, die ich kenne, nicht zur Waffe, um ihren Hof zu verteidigen, sondern sie verteidigen sich durch den Erhalt einer starken Gemeinde, in der Leute einander kennen und schätzen. Sie kennen ihre Verschiedenheiten aber sie erkennen, dass sie alle einen öffentlichen Raum bewohnen, den sie gemeinsam durch Kompromissen gestalten müssen. Darin findet man echte Sicherheit, denn man weiß, dass er nicht alleine ist.

Wenn alle auf der Gemeindeebene die Gemeinsamkeiten und die ortsansässigen Stärken betonen würden und offen gegen Herausforderungen auftreten, dann würden wir weit auf dem Weg sein, um „Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen das allgemeine Wohl zu fördern, und das Glück der Freiheit uns selbst und unsere Nachkommen zu bewahren.“

Vor fünfhundert Jahren haben Menschen erfahren, dass eine starke Festung eher auf Schwäche deutet, als Stärke. Eine starke Gemeinschaft läßt der Einzelne noch weiter entwickeln, als hohe Mauern je gelassen hatten. Darin liegen die Eigenschaften, die einer globalen Wettbewerbsfähigkeit führen, die aber auf der lokalen Ebene anfängt. Solche Eigenschaften werden auch noch mehr Austauschschülern und Austauschstudierenden fröhliches Willkommen heißen und sie wieder mit schönen Erinnerungen nach Hause begleiten.—Jason Fabianke

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John T. Floore Country Store

Wenn Sie nach Texas kommen, sollten Sie unbedingt John T. Floore Country Store in Helotes, Texas besuchen. Texas hat eine lange Tradition der Dance Hall, in der sich alle gesellschaftliche Schichte treffen, um gute Musik zu geniessen, und obwohl richtige Dance Halls noch seltener sind, als vor fünfzehn Jahren, sind noch einige gute Exemplare zu finden. Viele neuere „Dance Halls“ sind nicht mehr als Clubs oder Veranstaltungsorte, und weil das Geschäft Alkohol verkaufen heißt, nur Volljährige (over 21) willkommen sind. Die Tradition versteht sich anders.

Die meisten Dance Halls waren einfache Gebäude, in denen Dosengetränke und Flaschenbier ausgeschenkt wurden, und wenn es etwas zu essen gegeben hätte, reicht die Angebot nicht weiter als Hamburgers. Einige Dance Halls waren und sind Vereinshallen, sowie kirchliche Vereine oder Versicherungsgenossenschaften, aber andere sind Treffpunkte einer ganze Region, sowie Floore´s. Alt und jung sind dabei, und während die Großeltern, Eltern und andere tanzen, spielen die älteren Kinder auf dem Rand der Tanzfläche und die jüngeren schlafen auf den Bänken. Falls Sie eigentlich sehen möchten, wie eine Texas Dance Hall ist und sein sollte, planen Sie für einen Sonntagabend einen Besuch bei Floore´s zu machen. Eintritt ist kostenlos, und dort werden Sie die Nachbarn sehen, die Verwandten der Nachbarn und diejenigen, die vor dreißig Jahren Ihre Nachbarn waren.

Von San Antonio nehmen Sie Highway 16 nach Norden, und wenn Sie die vorortartigen Einkaufsmeilen von Helotes vorbeifahren, folgen Sie den Wegweisern zu Old Town Helotes. Gerade neben einer Eisenwarenhandlung ist Floore´s nicht zu übersehen. Das Gebäude sieht genau so aus, als viele andere Gebäude, die in den vierziger Jahren gebaut worden waren, und von aussen gesehen, könnte der Besucher nichts von der Geschichte der Country Music erahnen, die zwischen den Wänden und hinten auf der Patio abgespielt hatte. Die Wände sind aus einfachen Betonziegeln, die grün und weiß gestrichen sind, aber John T. Floore Country Store ist ein Spielort, der eng mit der Entwicklung der modernen Country Music gebunden ist.

Wer im Betracht auf schöne und neue Einrichtungen einen hohen Anspruch erhebt, wird ganz schnell enttäuscht. Autos und Pick-ups parken dicht an dem Gebäude, und hinter einem alten scheibenlosen Lastwagen ragen rot beschriftete Werbung, die behauptet, dass in Floore´s alle mögliche musikalische und kulinarische Superlativen zu finden sind. Nichts wird verschönert, sonder alles ist echt. Neben dem Eingang und unter dem Wirbel der Werbungsschilder stehen reihenweise Mülltonnen und ein großen BarBQ-Kocher, aber hinter der mit Fliegengitter versehenen Eingangstür vergisst der Besucher die Welt vor der Tür.

Eiserne Spannen und dünne Pfosten tragen einen Dach aus Wellenblech. Von der Decke hängen hunderte abgetragene Stiefel und Hüte, und dazwischen hängen andere Gegenstände, die einen fliegenden Flohmarkt bilden. Alles werden von Lichterketten beleuchtet, die hin und her durch die Stützen der Dachspannen eingefädelt worden waren. Alte und neue Neonreklame verschiedener Biermarken hängen an der Wand–Scheiner neben Schlitz, und verleihen dem Raum einer blauen Wärme. Auf der linken Seite ist die Bar, eine grobe Konstruktion aus Holz und Paneel, und wie von dem vor den Store aufgestellten BarBQ zu erwarten ist, stehen neben Hamburgers auch Wurst, Brisket und alle der dazugehörenden Beilagen auf der Speisekarte. Folgen Sie dem Rat der Werbung, und bestelle eine der Superlativen, die „besten Tamales in the World.“ Ich lasse Sie selber die Tamales bewerten. Tamales sind so wie lange gelbe mit Schweinefleisch gefüllte Dampfknödel, derer Maisteig, oder masa, in Maishülsen gedämpft werden. Wenn Ihre einzige Erfahrung mit Tamales mit einer Dosenöffner begann, muss ich Ihnen leider mitteilen, Sie haben keine Tamales gegessen. Hinweis: Wie auch Präsident Ford erfuhr, die Maishülsen werden nicht gegessen.

Die Dance Hall ist sicherlich kleiner als manche erwarten, und wenn jemand wie Gary P. Nunn auf der Bühne der Halle spielt, erlebt man Courty Music, wie sie einst war. Nicht mehr als dreißig Tische stehen um die Tanzfläche, und wenn am freitags und samstags ein großes Konzert stattfindet, treten die Bands oft draussen auf der großen Bühne auf. Auf der Patio stehen viele Tische und Bänke den Besuchern zur Verfügung, und breite Peckanbäume spenden Schatten, obwohl im Sommer Schatten immer zu knapp vorkommt. Wenngleich das Gelände ziemlich groß ist, ist wegen der Beliebtheit von Floore´s bei vielen Konzerten Platz auch knapp, und man muss frühzeitig ankommen, um sitzen zu können.

An diesem Abend spielte Drugstore Cowboys, ein Band, das seit vierzig Jahren Tänzern und Zuhörern mit origineller und auch mit wohl bekannter Musik besorgt hat. Ich kam zwanzig Minuten vor sechs, die angegebene Öffnungszeit, und nur ein Tisch war noch frei. Auf einer Seite wurde ein Geburtstag gefeiert, auf der anderen Seite fand eine Mischung aus Familien- und Firmentreff statt. Alle begrüßten sich gegenseitig, inklusive die andere Besucher, die nur zu zweit oder zu dritt gekommen sind. Mein Tisch war ein längerer Picknicktisch, und ich wusste, dass in wenigen Minuten noch einige Menschen zu mir sitzen würden. Der Tisch stand neben dem Kamin, und darüber hingen einige der vielen gerahmten Bilder von den Künstlern und Bands, die Floore´s gespielt haben. Weltbekannte Musiker wie Willie Nelson, Ray Price, Patsy Kline, Bob Wills und Merle Haggart hingen neben weniger bekannten aber in Texas beliebten Künstlern wie Fiddling Frenchy Burke und Augie Meyers.

Noch mehr Besucher kamen um halb sieben, und sie gingen draussen, tanzten oder standen neben der Wand. Ich hatte den letzten Tisch erwischt, und zwei ältere Frauen setzten sich zu mir. Sie besprachen verschiedene Themen, darunter waren das Wetter und die Verkehrslage, zwei zuverlässige Themen. In Südtexas ist Regen immer ein Ereignis, und die Stauen geschehen immer öfter und werden immer länger. Die zwei Frauen bildeten einen Teil einer Gruppe, die sich sonntags regelmässig für Hamburgers und Musik verabreden. Trotz einiger Anrufe konnten sie nicht sicherstellen, warum die anderen zwei heute nicht erschienen waren. Eine gute Frage, denn wer würde kostenlose Musik und lebendige Geschichte verpassen?–Jason Fabianke

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